Die 5 Rollberge am Oberländer Kanal zwischen Elblag und Ostroda

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Südlich von Elblag (Elbing) beginnt der Elblag-Ostroda-Kanal, ab hier kann man die einzige Bootstour weltweit zu Wasser und zu Land an nur einem einzigen Tag unternehmen! Wer einmal den Film " Fitzcarraldo" mit Klaus Kinski gesehen hat (ein verrotteter Flußdampfer wird im Amazonas-Gebiet unter widrigsten Umständen einen Berg hinaufgezogen), dem wird hier in Ermland auf eindrucksvolle Art und Weise gezeigt, wie solch ein Unterfangen tatsächlich funktionieren kann, und das alles nun schon seit mehr als 150 Jahren fehlerfrei und ohne jegliche Energie, weil absolut ökologisch und klimaschützend! Die Technik ist ökologisch und absolut klimaschützend, kein Gramm CO2 wird ausgestoßen bzw. verschwendet.
Leider ist diese Anlage seit 150 Jahren die einzige ihrer Art weltweit, keine zweite Anlage mit dieser in allen Belangen vorbildlichen Technik ist auch nur in Planung...

Die Problematik im 19. Jahrhundert war, dass ca. 104 Meter Höhenunterschied zwischen Ostroda (Osterode) und Elblag zu überwinden waren, um das Holz der Oberländischen Wälder zur Ostsee transportieren zu können. Die Alternative von ca. 32 Schleusen wäre zu kostspielig gewesen. Erst der Geniestreich eines Ingeneurs aus Königsberg ermöglichte diesen Holztransport.

Anstatt sieben große Seen (plus die Wasserverbindungen zwischen ihnen) auf 80 km Länge um mehr als 100 Meter abzusenken, um den Holztransport über die Wasser-Strecke zwischen den oberländischen Wäldern und der Ostsee um 80 Prozent zu verkürzen, baute man fünf technisch simple Land-Rutschen für Boote, die ohne jegliche - damals auch noch nicht zur Verfügung stehende - Hilfsenergie funktionierten.

Heute wird der Kanal nur noch zu touristischen Zwecken genutzt: Die Weiße Flotte unternimmt ab Elblag Ausflugsfahrten über den Druzno-See und die 5 Rollberge-Stationen in Caluny, Jelenie, Olesnica, Katy und Buczyniec und weiter durch den Oberländer Kanal bis nach Ostroda, allerdings war dies bis vor wenigen Jahren noch ein absoluter Geheimtipp unter Technik-Fans. Als ich 1996 erstmals Polen mit dem Fahrrad bereiste, war vom Oberländer Kanal noch in keinem Reiseführer die Rede...
Vor einigen Jahren hat ein englisches Unternehmen den gesamten Kanal samt der Technik der Rollberge gekauft, die Zahl der Angestellten und Arbeiter an jedem Rollberg von 9 auf 2 Personen reduziert, etliche Zuschüsse von der EU erhalten, das Gesamtwerk der Rollberge unter Denkmalschutz stellen lassen und den Tourismus hierher durch verstärkte Werbung und Image-Maßnahmen vervielfacht.

Diese Schiffstour können Wohnmobil-Fahrer und Fahrradreisende sehr bequem buchen ab dem Campingplatz in Elblag. Man wird direkt am Campingplatz abgeholt.

An jeder Steigung arbeitet ein Drahtseile, es läßt die eine Transport-Lore hinunter, während es die zweite Lore hinaufzieht, es fahren also immer beide Loren! Aus diesem Grund gibt es - meistens früh morgens und ab Nachmittag - Leerfahrten, da neben der Weißen Flotte nur wenige andere kleine Schiffe wie Segelboote, Wanderkanus und Motorboote auf dem Oberländer Kanal fahren. Morgens und mittags kommen die Boote die Rollberge hinaufgefahren, am Nachmittag auf dem Rückweg Richtung Elblag fahren sie die Rollberge hinunter.

Irrtum: In vielen Reiseführern wird die Technik dieser Rollberg-Anlage leider oft falsch dargestellt: Es ist nicht so, dass die herabfahrende Transport-Lore die herauffahrende Lore allein mit Ihrem Eigengewicht nach dem Prinzip der geneigten Ebenen hochzieht! Dann wären keine Leerfahrten möglich, d.h. es könnten keine Boote heraufgezogen werden, ohne dass nicht ein Boot von ziemlich genau gleichem Gewicht gleichzeitig hinabgelassen wird. Und die Wasserkraft wäre eigentlich auch nicht notwendig, Bremse-lösen müßte dann reichen ...

Mehr Details zur Technik der Rollberge am Oberländer Kanal auf vielen Fotos und Detail-Berichten weiter unten auf dieser Seite!












Den besten Stellplatz für Wohnmobile am Oberländer Kanal findet man am Rollberg bei Katy. Auf der Bundestrasse 7 (E 77) biegt man von Süden kommend in Morzewo und von Norden kommend südlich von Paslek nach Westen ab. Ab Katy geht es weiter Richtung Sliwics bzw. Jelonki, aber schon nach wenigen Hundert Metern verläßt man direkt vor der Brücke über den Oberländer Kanal die Straße nach rechts und schon steht man direkt am Technikhaus. Vier bis fünf Wohnmobile haben hier Platz, man hat einen perfekten Aussichtsplatz - auch aus dem Wohnmobil heraus - auf die Rollberg-Anlage, und die beiden Brüder, die für diese Rollberg-Station zuständig sind, erklären gerne mit Händen und Füßen die Technik, die sie das ganze Jahr über voll beschäftigt.
Einen weiteren guten Stellplatz gibt es an der Rollberg-Station Jelenie bei Jelonki. Dort fährt man östlich direkt hinter der Brücke über den Oberländer Kanal rechts ab auf den Weg Richtung Technikhaus, das man in ca. 500 Meter Entfernung schon liegen sieht. Man kann auf dem Weg dorthin am Wiesenrand stehen oder - wenn der Rollberg-Mitarbeiter einen guten Tag hat - auch direkt auf der kleinen Wiese am Technikhaus. Leider hat man an dieser Station nicht den perfekten Ausblick aus dem Zelt bzw. Wohnmobil heraus auf den Kanal, man muß hier erst zum Kanal hinauflaufen. Dafür ist dies die zweitlängste Steigung unter den fünf Rollbergen, die Anlage kommt hier am besten und übersichtlichsten zur Geltung.

In vielen Reiseführern steht, dass man alle 5 Rollberg-Stationen mit dem Auto anfahren kann. Dies ist falsch!
Die mittlere Station Olesnica ist so gut wie nicht zu erreichen, stehen kann man dort nirgendswo. Auch kann man nicht mit dem Auto am Oberländer Kanal entlang alle 5 Rollberg-Stationen abfahren. Selbst mit einem Auto kann man ab Rollberg Katy nur bis zum Rollberg Jelenie fahren, wenn man nicht mehr als ca. 2 Meter Fahrzeughöhe hat, ansonsten würde man an den Stahlseilen der Rollberg-Station Olesnica `hängenbleiben´. Mit dem Fahrrad ist dies aber in jedem Fall eine schöne wenn auch steile und holprige Tour. Um die Stationen in Buczyniec und Caluny anzufahren, muß man den Oberländer Kanal verlassen und sich über kleine Dorfstrassen den Weg dorthin suchen, Buczyniec ist dabei aber noch recht gut ausgeschildert.

Die Station Buczyniec ist heute touristisch ausgebaut und insbesondere zur Mittagszeit sehr überlaufen, da dann die ganzen Touristenboote der Weißen Flotte aus Elblag ankommen und hier Pause auf dem Weg nach Ostroda einlegen, und selbst die Polen warnen hier inzwischen vor Kindern, die in Gruppen auftreten und auf Taschendiebstahl gehen und die dabei wohl recht erfolgreich sind. Man sollte hier besonders vorsichtig sein und auch sein Wohnmobil und ganz besonders das Reisefahrrad nicht aus den Augen lassen!

Der Kanal ist geöffnet von April bis September, in der Winterpause erfolgt eine Grundreinigung und -wartung: Schlamm und über den Sommer gewachsene Pflanzen kommen raus, dazu wird der Kanal trockengelegt und Reparatur- und Wartungsarbeiten an der sonst nicht erreichbaren weil unter Wasser befindlichen Technik und den Transport-Loren durchgeführt.

Legen Sie ein paar Münzen - am besten die 1- oder 2-Zloty-Münzen, weil diese härter sind - auf die Schienen, aber immer nur auf die Schienen, auf denen die Transport-Lore gerade den Berg hinab fährt! Die Räder der Lore werden diese Münzen dann walzen, ein nettes `selbstgemachtes´ Andenken an den Oberländer Kanal. Beobachten Sie die Münze ganz genau, ab und an kleben die Münzen an den Rädern und fallen erst fünf oder zehn Meter weiter ins Gras, wo Sie die Münze dann suchen dürfen! Ich habe drei Münzen auf die Schienen mit der aufwärts fahrenden Lore gelegt und alle drei sind mit den Lore-Rädern im Wasser des Oberländer Kanals verschwunden...

oben und unten: Rollberg-Station bei Jelenie mit dem Wohnmobil-Stellplatz am Wegesrand und der Brücke über den Oberländer Kanal östlich von Jelonki

Rollberg-Station Olesnica mit Wärterhäuschen, Fahrradweg und `herauffahrendem´ Segelboot

 

Fotografische Begleitung eines Roll-Vorganges an der Station Katy von unten her den Rollberg hinauf:

Am Ende schauen von der Lore nur noch die Laufbohlen und die Handreling aus dem Wasser heraus.

 

Die Technik der `geneigten Ebenen´ an den Rollbergen am Oberländer Kanal in Polen:

Da man Schienen zwar seitlich, aber nicht nach oben oder unten biegen kann, sind oben und unten an jeder Steigung im Wasser je ein separater Schienenstrang versetzt verlegt, der sich jeweils an dem Übergang im Wasser mit dem über Land verlegten Schienenstrang `treffen´, d.h. ca. 1 Meter parallel nebeneinander verlaufen. Die Transport-Loren haben dafür extrabreite Räder mit zwei Laufbereichen, die im Wasser auf dem inneren Teil der Loren-Räder und an Land auf den äußeren Teilen der Loren-Räder auf den Schienen fahren. Den Übergang von Wasserschiene auf Landschiene kann man an einem kleinen Ruck beim Überfahren an der Stelle sehen/bemerken.

Die Schienen wurden 2006 erstmals seit der Erbauung der Anlage im Jahr 1860 ausgewechselt, von den alten Schienen mit der Aufschrift "Krupp" sind zwei nun im Museum in Elblag ausgestellt.

Die Rollen an den geneigten Ebenen sind aus massivem Eichenholz mit Eichenholzeinlagen, damit das Stahlseil länger hält. Die Einlagen müssen ca. alle 3 Jahre ausgetauscht werden, dies ist aber weitaus preiswerter, als die Stahlseile auszuwechseln. Das Holz gibt quasi nach, es opfert sich auf. Außerdem läuft die Anlage so wesentliche leiser, kein Quietschen ist hörbar. Schon in ca. 10 Meter Enfernung von den Rädern am Hang ist fast nichts mehr bei Betrieb der Anlage zu hören, die Schiffe fahren die Steigung tatsächlich wie schwebend hinauf und hinab. Die Eichenholzräder selbst sind noch nie ausgewechselt worden!
Die Nabe und das komplette Lager des Holzrades sind aus massivem Messing. Sie werden wöchentlich mit Fett an den Fettnippeln abgepresst und auch diese wurden seit dem Bau der Anlage noch nie ausgetauscht!

Die Inspektion des Stahlseils erfolgt jeden Herbst, jedes Frühjahr werden sie gründlich gefettet, die Erneuerung erfolgt nach Bedarf: Seit dem Bau der Anlage im Jahr 1860 wurden die Seile erst dreimal (!) ausgewechselt, zuletzt 2002. In ca. 50 Jahren wird es wieder soweit sein...

Die Holzeinlage dieses Holzrades ist 3 Jahre alt, das Stahlseil hat sich bereits weit in die Holzeinlage´hineingefressen´. Im nächsten Winter muß sie wieder ausgetauscht werden.

Diese Holzrad-Einlage ist erst 1 Jahr alt; man sieht, dass das Seil sich erst sehr wenig in das Holz `hineingefressen´ hat.

Die Transport-Loren sind aus Stahl und Holz gebaut, und damals beim Bau wurde sogar ein Notbrems-System installiert. Dieses wurde aber nie benötigt, nur theoretisch weiß man, was bei Nutzung der Notbremse exakt passieren wird (sagen die Stations-Wärter). Auf die Loren passen nur Schiffe von maximal 2,80 Meter Breite, darum sind bis heute noch immer die gleichen alten Schiffe der Weißen Flotte unterwegs, die schon vor dem 2. Weltkrieg hier fuhren. Mit neueren Schiffen könnte man die Kapazität der Boote nicht erhöhen, darum hält man die alte Schiffe lieber so weit wie nötig in Schuss.

Das System kann laut den Berechnungen Boote bis maximal 50 Tonnen je Transport-Lore transportieren. Ensprechend sind die Boote gebaut. Allerdings sind die Boote der weißen Flotte heute wesentlich stärker mit Fahrgästen besetzt, d.h. die Boote wiegen heute oft deutlich mehr als 50 Tonnen, theoretisch müßten die Fahrgäste aussteigen und zufuß den Berg hochsteigen bzw. hinablaufen. Tut natürlich niemand, und technische Probleme hat es auch noch nie gegeben!

Das Drahtseil läuft über mehrere verschieden große Umlenkrollen, die einen exakten Verlauf des Drahtseils garantieren und so dazu beitragen, dass es eine verhältnismäßig große Lebensdauer hat.

Diese Schaltkästen aus grauer Vorzeit sind lediglich für das Licht im Technikhaus und für die Außenanlagen da, aber ein Foto sind sie schon wert!

Wenn ein Boot auf die Lore gefahren ist und festgemacht hat, schlägt eines der Besatzungsmitglieder den an der Transport-Lore befestigten Gong. Dann weiß der Arbeiter im Wärterhäuschen, dass das Boot bereit für die Fahrt ist, und er gibt per `Intranet´ - einem langen Drahtseil, dass im Technikhaus eine Glocke anschlagen läßt - seinem Kollegen den Auftrag, die Mechanik anzuwerfen:

 

Ablauf eines Roll-Vorgangs im Technikhaus:

Nachdem das Signal vom Wärterhaus gekommen ist, dass die Boote auf den Transport-Loren fahrbereit sind, wird zunächst der Wasserdurchlauf am Technikhaus um ca. das sechsfache angehoben, der parallel zur geneigten Ebene fließende Bach (Bypass) schwillt binnen Sekunden entsprechend an.

Als nächsten wird das große Wasserrad in Betrieb genommen, noch mehr Wasser fließt nun durch die Mechanik am Technikhaus, der Bach schwillt noch einmal an.

Alle beweglichen Teile der Mechanik werden einmal pro Woche über große Abschmier-Nippel gefettet, lediglich die Drahtseile werden nur einmal im Jahr zu Beginn der Saison im April gefettet bzw. geschmiert.

Dann wird mit diesem Getriebe-Hebel die Zahnradanlage im Technikhaus hinzugeschaltet, die Zahnräder setzen sich in Bewegung ...

Über mehrere Übersetzungsstufen wird nun das Stahlseite langsam und gleichmäßig ab und gleichzeitig auf- bzw. abgerollt:

Was sich auf der linken Seite der Drahtseil-Rolle abrollt, wird direkt daneben auf der rechten Seite wieder aufgerollt.

Über farbliche Kennzeichnungen am Seil (hier auf der linken Seite zu sehen) weiß der Arbeiter im Technikhaus, wann die beiden Loren ihre Fahrt fast beendet haben und angekommen sind. Dann muß er den Bremshebel (unten, auf dem Bild vorne) bedienen ...

... und per Getriebe-Hebel (hinten auf dem Bild) die Zahnräder wieder vom großen Wasserrad trennen.

Diese Anzeige zeigt dem Arbeiter, mit welcher Umdrehungszahl sich das Stahlseil von der großen Stahlseil-Rolle abrollt. Fünf Umdrehungen / Minute (siehe Schild unten: "kola wodnego 5/min") sind erlaubt, in der Regel läuft die Mechanik aber nur auf ca. drei Umdrehungen pro Minute, ansonsten ist die Gefahr von Beschädigungen am Boot bzw. von Personenschäden (z.B. durch zu ruckartige Bewegungen) zu hoch. Lediglich bei geübten und ihnen bekannten Schiffern ohne Passagiere an Bord geben die beiden schon mal Gas und erhöhen sogar auf bis zu sechs Umdrehungen / Minute ...